NRW auf dem Weg zur Circular Economy

Warum der Rückbau das Fundament der Strategie sein muss

Nordrhein-Westfalen hat das Potenzial, zur Drehscheibe der europäischen Kreislaufwirtschaft zu werden. Im Rahmen der aktuellen Online-Konsultation des Wirtschafts- und Umweltministeriums hat der Deutsche Abbruchverband (DA) deshalb Stellung bezogen. Unser Kernanliegen: Eine erfolgreiche „Circular Economy Strategie“ für NRW braucht Zielsetzungen, die tragfähige Kreisläufe im Bau- und Infrastrukturbereich ermöglichen – und die Umsetzung in Projekten verlässlich absichern.

Damit das gelingt, kommt es aus Sicht des DA vor allem auf vier Punkte an: investitionsfreundliche Rahmenbedingungen, einen verlässlich wachsenden Markt für Sekundärrohstoffe und wiederverwendete Komponenten, praxistaugliche Standards entlang der gesamten Prozesskette – und eine deutlich stärkere Verankerung der Rückbaukompetenz in Ausbildung und Hochschullehre. Denn Rückbau ist eine Schlüsselrolle der Kreislaufwirtschaft: inklusive Schadstoffsanierung, Abbruch, Wiederverwendung und Recycling.

Investitionssicherheit durch Verlässlichkeit

Wenn Unternehmen in selektiven Rückbau, Sortierung, Aufbereitung, Qualitätssicherung sowie in Logistik-, Flächen- und Anlageninfrastruktur investieren sollen, müssen Rahmenbedingungen langfristig tragfähig und konsistent sein. Kreislaufwirtschaft im Bauwesen braucht gesicherte und leistungsfähige Kapazitäten: mineralische Stoffströme müssen in gleichbleibender Qualität aufbereitet werden können; gleichzeitig braucht es Strukturen für Demontage, Prüfung, Lagerung und Bereitstellung wiederverwendbarer Bauteile.

Solche Kapazitäten entstehen nur, wenn Anforderungen an Einsatzfähigkeit, Nachweisführung und Qualitätssicherung nachvollziehbar, stabil und über längere Zeiträume verlässlich sind. Sekundärrohstoffe und Second-Life-Produkte dürfen nicht durch heterogene Anforderungen, wechselnde Bewertungsmaßstäbe oder unverhältnismäßige Dokumentationspflichten faktisch benachteiligt werden. Ziel muss es sein, hochwertige Verwertung und Wiederverwendung als Normalfall zu erleichtern und wirtschaftlich attraktiv zu machen – damit Investitionen in Technik, Personal und Kapazitäten ausgelöst werden.

Der Markthebel: Die öffentliche Hand

Ein zweiter zentraler Zielbereich ist die Nachfrageentwicklung – und die konsequente Nutzung der öffentlichen Hand als Markthebel. Öffentliche Bauherren sind in NRW ein wesentlicher Marktakteur und können über ihre Vergabepraxis verlässliche Nachfrage erzeugen und Skaleneffekte ermöglichen. Aus Sicht des DA sollte der Einsatz von Recyclingbaustoffen und Materialien aus dem zweiten Lebenszyklus – soweit technisch geeignet – systematisch bevorzugt werden und in relevanten Produktgruppen nicht nur als Ausnahme gelten.

Sekundärrohstoffe sollten immer dann bevorzugt genutzt werden, wenn sie lokal in ausreichender Menge verfügbar und technisch gleichwertig zu Primärrohstoffen sind. Dafür braucht es praxistaugliche Qualitäts- und Einsatzstandards, die Vergleichbarkeit und Anwendbarkeit in Planung, Ausschreibung und Bauausführung gewährleisten. Ebenso hilfreich sind standardisierte Leistungsbilder und Ausschreibungsbausteine, die zirkuläre Alternativen rechtssicher abbilden und gleichzeitig den Aufwand für Vergabestellen und Bieter beherrschbar halten.

Wichtig ist zudem eine konsequent lebenszyklusorientierte Beschaffung: Wenn Lebenszykluskosten, CO₂-Wirkungen und Ressourcenaspekte berücksichtigt werden, werden die wirtschaftlichen Vorteile zirkulärer Lösungen im Vergabeverfahren sichtbar – statt hinter reinen Anschaffungskosten zurückzutreten.

„Design for Deconstruction“ als Planungsprinzip

Kreislauffähigkeit entscheidet sich nicht erst beim Rückbau, sondern wird maßgeblich beim Entwurf und in der Ausführung festgelegt. Deshalb ist rückbaufreundliche Planung („Design for Deconstruction“) als systematisches Prinzip von besonderer Bedeutung – idealerweise bereits in der Projektentwicklung verankert.

Ziel sollte sein, Neubau- und Sanierungsvorhaben so auszulegen, dass spätere Demontage, Trennung und Wiederverwendung technisch möglich und wirtschaftlich zumutbar bleiben. Dazu zählen lösbare statt irreversibler Verbindungen, die Reduktion dauerhaft untrennbarer Verbundkonstruktionen, modulare und standardisierte Bauweisen sowie eine belastbare Dokumentation der eingesetzten Produkte und Materialien. Praktisch wirksam wird das, wenn öffentliche Projekte entsprechende Anforderungen verbindlich in Leistungsbildern, Planungsverträgen und Bewertungsmatrizen berücksichtigen – etwa über Vorgaben zur Demontierbarkeit, Trennbarkeit von Materialschichten und die Verpflichtung zur Erstellung von Material- und Rückbaukonzepten.

Ein besonders praxisrelevantes Beispiel sind Wärmedämmverbundsysteme und vergleichbare Dämmkonstruktionen: Dämmstoffe sind häufig dauerhaft verklebt oder eingebunden, sodass eine sortenreine Trennung beim Rückbau regelmäßig nicht möglich ist. Das führt zu gemischten Fraktionen und verringert die Möglichkeiten hochwertiger Verwertung oder Wiederverwendung erheblich. Rückbaufreundliche Planung sollte deshalb stärker berücksichtigen, dass Dämmmaterialien so gewählt und ausgeführt werden, dass sie später separiert werden können – etwa über definierte Trennlagen, reversible Befestigungslösungen oder konstruktive Alternativen. Gleichzeitig muss beim Rückbau erkennbar oder dokumentiert sein, ob und wie sich ein System demontieren lässt. Das verbessert die Qualität der Stoffströme, die Planbarkeit der Aufbereitung und die Einsatzmöglichkeiten im zweiten Lebenszyklus.

Monitoring, das hilft – nicht belastet

Um den Einsatz von Recycling- und Second-Life-Materialien planbarer zu machen, spricht sich der DA für eine Steuerung über klare Kriterien und praxistaugliche Nachweiswege aus. Dabei geht es ausdrücklich nicht um starre Einsatzquoten, sondern darum, den Einsatz dort systematisch zu erleichtern, wo Materialien in ausreichender, verlässlicher Qualität verfügbar sind. Hemmnisse – etwa bei der Nutzung geeigneter RC-Materialien – sollten abgebaut werden, ohne neue Berichtspflichten oder Nachweisanforderungen zu schaffen, die vor allem bürokratisch wirken.

Geeignete Indikatoren können zum Beispiel sein: der Rezyklateinsatz in öffentlichen Bauvorhaben nach Produktgruppen, der Anteil hochwertiger Verwertung mineralischer Bau- und Abbruchstoffe, der Anteil von Projekten mit Rückbau- und Materialkonzepten sowie die Nutzung wiederverwendeter Bauteile in öffentlichen Vorhaben. Ergänzend können Indikatoren zur Verfügbarkeit qualitätsgesicherter Sekundärmaterialien und zur Entwicklung notwendiger Kapazitäten (z. B. Aufbereitungs- und Zwischenlagerinfrastruktur) die Umsetzungsfähigkeit abbilden.

Fachkräfte für die Bauwende

Zirkulärer Rückbau ist hochtechnologisch und eine Schlüsselphase funktionierender Kreislaufprozesse – wird in Ausbildung und Hochschullehre bislang jedoch nicht in der erforderlichen Breite und Tiefe systematisch abgebildet. Der DA fordert daher, Rückbau, Sanierung und Abbruch verbindlich in Aus- und Weiterbildung sowie in entsprechenden Studiengängen zu verankern. Ergänzend können duale Formate, Praxissemester und Zertifikatsangebote helfen, die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Fachschulen und Praxisbetrieben zu stärken. Das erhöht die Umsetzungskompetenz in Projekten, verbessert die Qualität der Stoffströme und verankert den Beitrag des Abbruchsektors als Voraussetzung zirkulären Bauens angemessen in der Bauwirtschaft.

Planbarkeit auch bei artenschutzrechtlichen Belangen

In der Umsetzungspraxis regelmäßig relevant ist zudem die frühzeitige Einbindung artenschutzrechtlicher Belange. Wenn Prüfungen und Maßnahmen spät erfolgen oder regional unterschiedlich gehandhabt werden, kann das zu spürbaren Verzögerungen führen. Ein planbares Vorgehen mit frühzeitigen Kartierungen, klaren Zeitfenstern und abgestimmten Maßnahmen kann Projektabläufe stabilisieren, ohne den Schutzzweck zu beeinträchtigen.

Fazit: Kreislaufwirtschaft als skalierbares System

Der Deutsche Abbruchverband begrüßt die Initiative der Landesregierung. Damit Kreislaufwirtschaft im Bauwesen in NRW als verlässliches, skalierbares System wirksam wird, braucht es stabile Investitionsbedingungen, eine nachfragewirksame öffentliche Beschaffung, rückbaufreundliche Planung als Standard, transparentes Monitoring – und eine gestärkte Qualifikationsbasis. Wenn diese Elemente zusammengeführt werden, kann Nordrhein-Westfalen die Potenziale der Abbruch- und Sekundärrohstoffwirtschaft wirksam für eine zirkuläre Bau- und Infrastrukturentwicklung nutzen.

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