Was unsere Mitarbeiter wirklich brauchen

Bericht aus Berlin: Zwischen Fachkräftemangel und Bürokratiewahnsinn

In Berlin wird viel diskutiert: über Wärmepumpen, über Klimaziele, über den großen Bürokratieabbau. Über die Menschen, die all das am Ende umsetzen sollen, spricht dagegen erstaunlich selten jemand. Dabei wissen wir in der Bau- und Abbruchbranche längst: Ohne Mitarbeiter läuft nichts. Keine Maschine, kein Rückbau, kein Recycling.

Unsere Fachkräfte sind das eigentliche Kapital der Unternehmen. Sie bedienen Spezialgeräte, sie arbeiten unter oft schwierigen Bedingungen, sie tragen Verantwortung für Sicherheit, Qualität und Termine. Kurzum: Sie sind die Grundlage dafür, dass Projekte im Zeit- und Kostenrahmen bleiben, und dass am Ende auch politisch gesetzte Ziele in Kreislaufwirtschaft, Ressourcenschonung und Recycling überhaupt Realität werden können.

Doch während in der Politik endlos an neuen Verordnungen gefeilt wird, von CSRD bis REACH, von EBV bis NKWS, stapeln sich in den Betrieben die Nachweis- und Dokumentationspflichten. Das bindet Ressourcen genau dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden: draußen auf der Baustelle. Man könnte sagen: Wer die Leute mit Papier fesselt, darf sich nicht wundern, wenn sie auf der Baustelle fehlen.

Das politische Berlin scheint zu glauben, Fachkräfte könne man durch immer neue Regulierungen herbeizaubern. Die Realität sieht anders aus: Wir gewinnen sie nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Das bedeutet weniger Bürokratie und mehr Klarheit, bessere Weiterbildung und eine schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Es bedeutet auch Wohnraum, Mobilität und vor allem: Planungssicherheit.

Und es bedeutet, den Einsatz derjenigen besser zu würdigen, die heute schon über das normale Maß hinaus Verantwortung tragen. In der Bau- und Abbruchpraxis sind Überstunden keine Ausnahme, sondern Alltag. Sie werden gebraucht, wenn Termine drängen, wenn auf der Baustelle etwas Unvorhergesehenes passiert oder wenn ein Projekt schlicht fertig werden muss.

Dass ausgerechnet diese Mehrleistung steuerlich am stärksten belastet wird, ist ein Anachronismus. Eine andere, spürbar günstigere Besteuerung von Überstunden würde den Mitarbeitern direkt helfen und wäre für die Unternehmen eine echte Entlastung, weil sie Spielräume bei knappen Kapazitäten schafft. Auch hier zeigt sich: Wertschätzung darf nicht nur im Wort bestehen, sondern muss sich im Portemonnaie bemerkbar machen.

Ein weiterer Baustein in diesem Puzzle sind die aktuellen Pläne der Bundesregierung zur sogenannten Aktivrente. Wer das gesetzliche Rentenalter erreicht hat und freiwillig weiterarbeitet, soll künftig bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei hinzuverdienen können, zusätzlich zur regulären Altersrente. Das klingt zunächst technisch, hat aber große praktische Wirkung: Ältere Mitarbeiter könnten länger eingebunden werden, ohne dass ihre zusätzliche Arbeit gleich mit vollen Abgaben belegt wird. Für viele ist das ein Anreiz, noch ein paar Jahre Erfahrung, Wissen und Tatkraft einzubringen, und zwar zu Bedingungen, die sie selbst bestimmen.

Gerade für die Abbruchbranche ist das ein Gewinn: Jahrzehntelanges Erfahrungswissen verschwindet nicht automatisch mit der Regelaltersgrenze, sondern kann weiter genutzt werden, sei es projektbezogen, in Teilzeit oder beratend. Ein erfahrener Maschinist, der einem jungen Kollegen die Feinheiten erklärt, ist mehr wert als jede Broschüre zur Fachkräftegewinnung.

Und im Kontext der Kreislaufwirtschaft Bau hat das besondere Bedeutung: Wer seit Jahrzehnten Baustoffströme kennt, weiß, wie Materialien getrennt, verwertet und wiedereingesetzt werden können. Dieses Erfahrungswissen ist ein zentraler Hebel, damit Recycling nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis erreicht werden.

Natürlich bleibt auch bei der Aktivrente nicht alles unproblematisch. Die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung werden weiterhin fällig, und es ist offen, wie genau die Regelung für unterschiedliche Berufsgruppen ausgestaltet wird. Kritiker warnen zudem vor hohen Kosten für den Staat. Aber: Der Ansatz stimmt. Denn er setzt nicht auf Zwang, sondern auf Freiwilligkeit und er anerkennt, dass Leistung im Alter nicht automatisch weniger wert ist.

Für die Unternehmen bedeutet das: Sie können den Erfahrungsschatz ihrer Mitarbeiter länger halten, Wissen gezielt weitergeben und gleichzeitig ein starkes Signal senden: Lebensleistung zählt. Für die Mitarbeiter bedeutet es: mehr Wahlfreiheit und mehr Anerkennung. Und für die Politik wäre es eine Chance, nicht nur über Kreislaufwirtschaft zu reden, sondern tatsächlich Rahmenbedingungen zu schaffen, die helfen.

Berlin redet gerne von „Menschen im Mittelpunkt“. Klingt gut, bleibt aber oft ein Slogan. Wenn wir unsere Mitarbeiter wirklich als Kapital verstehen, dann müssen wir ihnen im Alltag den Rücken freihalten: weniger Papier, mehr Vertrauen. Weniger Vorschriften, mehr Anerkennung. Maschinen können Materialien brechen, Gesetze können Quoten vorgeben, aber erst die Menschen auf unseren Baustellen machen daraus Kreislaufwirtschaft. Vom Azubi bis zum Rentner.

Ohne sie gibt es sie nicht, die Kreislaufwirtschaft Bau!

 

Informationen
Dipl.-Ing. (FH) Katrin Mees
Leiterin Büro Berlin
Deutscher Abbruchverband e. V.
Kronenstraße 55-58
10117 Berlin
Tel.: 030 20314 524
mees@deutscher-abbruchverband.de
www.deutscher-abbruchverband.de

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